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    by Mondspeer


Das ist meine Geschichte vom Seelenschatten. Es gibt auch eine Druckversion.

·:  Seelenschatten  :·

Fey'ahalîr an-li bian ...

Das Mondlicht spiegelt glitzernd
Auf den leisen Wellen des Flusses.
Und mein gefiederter Seelenverwandter
fliegt wie ein lautlos silberner Schatten,
seine vielfach verschlungenen Kreise,
unter dem nächtlichen Blau des Himmels.

Der Atem der Wälder streicht sanft
um die Wipfel der Boronstannen,
mein Volk begrüßt singend und sehnend,
ein neues Leben aus den Träumen des Lichts.

~~~

Das ist ein verlorenes Lied. So sang es meine Mutter in den Stunden vor meiner Geburt. Oder so würde es lauteten, wenn ich versuchte, es aus den vielfach verwobenen Harmonien des Isdira, des uralten Hochelfischen, in die simplen und eintönigen Laute eurer Sprache zu übersetzen. Auch nach den langen Jahren, die ich nun unter Euch lebe, eure Sprache gebrauche, und Eure Geschichten teile, trifft mich das Sehnen und der Schmerz, wenn ich an die verlorenen Lieder und die Wälder meiner Jugend denke. Nie wieder werde ich den Frieden des Waldes und der Salamandersteine fühlen, nie wieder die Harmonie meines Volkes erleben. Nie wieder werde ich mit anderen meines Volkes das uralte Lied singen, nie wieder den Kreis der Einfühlung finden, nie wieder den Geistesbund wirken. Meine Seele weint.

Ich werde Euch meine Geschichte erzählen, Euch vorsingen davon wie ich die Wälder verließ und davon, wie am Ende der Schatten in meiner Seele erwachte. Ich will Euch mein Leid klagen, auf dass Ihr mit mir trauert.

Meine Seele weint. Weint mit ihr, Kampfgefährten!

Weint mit mir Fremde in der Nacht!

~~~

Es ist Nachmittag im Spätherbst, das Sonnenlicht sickert in schrägen Bahnen durch die Bäume in den nördlichen Ausläufern des Finsterkammes, malt ein verspieltes Kunstwerk aus hellen Kreisen und Streifen auf Stamm, Laub und Unterholz. Undurchdringlich und verschlossen wirkt der Wald, wie ein uraltes Wesen, unbekümmert von den Geschichten und Werken der Menschen. Doch plötzlich werden die leisen Geräusche des Waldes übertönt. Brechendes Unterholz in einiger Entfernung, das gehetzte Trommeln fliehender Hufe, das empörte Kreischen aufgescheuchter Vögel. Urplötzlich bricht ein großer Hirsch aus dem Waldrand hervor. Seine Furcht ist stärker als die angeborene Vorsicht. Ohne zu sichern oder zu wittern stürmt er auf die Lichtung, flieht, die Augen geweitet, die Ohren nach hinten gerichtet, dorthin von wo er seinen Tod erwartet. Aber nichts geschieht, kein Verfolger ist zu sehen oder zu hören.

Der Lauf des Hirsches ist schwer und unsicher vor Erschöpfung. Stolpernd läuft er noch einige Schritte, bevor er zitternd zum Stehen kommt, die schweißnassen Flanken zucken in kurzen krampfhaften Atemzügen. Witternd hebt er den Kopf, die Ohren spielen unruhig. Vom Waldrand her zischt ohne Vorwarnung ein Pfeil auf ihn zu. Im letzten Moment bricht der Hirsch aus und der Pfeil streift nur einen Hinterlauf. Wieder stürmt er davon, am Waldrand entlang in Richtung der tief stehenden Sonne. Aber schon nach wenigen Schritten ist die Jagd endgültig vorbei. Er bricht mit dem Vorderfuß in ein Erdloch, mit einem gedämpften Knacken gibt der Knochen nach und der Hirsch stürzt schwer auf das feuchte Gras. Noch einmal versucht er sich aufzurichten, aber das zertrümmerte Bein trägt sein Gewicht nicht mehr. Angstvoll, den Kopf mit dem mächtigen Geweih hin und her werfend, liegt er da.

Aus dem Wald tritt der Schütze. Hochgewachsen, über zwei Schritt groß, und ganz in Grau gekleidet schreitet sie auf ihn zu. Noch mehr als die schräg stehenden, katzenartigen Augen und die spitzen Ohren, verrät der geschmeidig-fließende Gang, um wen es sich handelt. Auf weichen Sohlen tritt die Elfin näher. Auch ihr Atem geht stoßweise, mit der rechten Hand wischt sie ein paar Schweißtropfen aus dem silbrig weißen Haaren. In der linken Hand trägt sie ihren Bogen, den nächsten Pfeil schon auf die Sehne gelegt. Ihre smaragdfarbenen Augen betrachten nachdenklich den Hirsch und seine angstvollen Bewegungen. Dann neigt sie in einer rituell anmutenden Bewegung den Kopf und macht mit der freien Hand eine flüchtige Bewegung an ihre Stirn.

Fast beiläufig lässt sie den Bogen fallen und zieht in einer fließenden Bewegung ihr Wolfsmesser. Die dreieckige, fast einen Schritt lange Klinge wirft einen scharfen Schatten, als sie auf den Hirsch zugeht. Der wird noch unruhiger, wirft sich hin und her, versucht noch einmal auf die Beine zu kommen. "Ruhig, König des Rudels, ruhig." Zum ersten Mal hört der Hirsch die Stimme der Elfin. "Das war eine große Jagd. Eine, die es wert ist im Lied erzählt zu werden. Dreimal bist Du mir entkommen, deshalb soll es nicht auf diese Art enden." Sie schließt kurz die Augen, macht eine sanft fließende Handbewegung und beginnt leise zu summen. Die melodischen, mehrstimmigen Harmonien des Isdira, der alten Hochsprache der Elfen, fließen von ihren Lippen, während sie sich dem Hirsch nun endgültig nähert. Ihre ganze Haltung ist beruhigend, während sie ein uraltes Lied singt. Das Tier atmet leichter, die Augen, eben noch angstvoll geweitet, werden ruhiger, die Ohren hören auf zu zucken und richten sich auf die niederkniende Gestalt.

Mit dem Wolfsmesser gräbt sie vorsichtig das gebrochene Bein aus dem Erdloch. Dann legt sie beide Hände auf den Bruch und ihr Gesang verändert sich. Sie singt in verschlungenen mehrstimmigen Harmonien von Ursprünglichkeit und Heilung und langsam verschiebt sich der zertrümmerte Knochen, streckt sich das Bein. Dann versetzt sie dem inzwischen ruhigen Hirsch einen aufmunternden Stoß. Er richtet sich auf und das eben noch gebrochene Bein trägt ihn wieder. Mit der Schnauze stupst er dagegen, dann richten sich seine laubbraunen Augen mit den großen Pupillen für einen Moment auf die Elfin, bevor er den Kopf schüttelt. Ohne noch einmal zu zögern, dreht er sich um und läuft langsam zurück in den Wald.

Die Elfin steht auf und schaut ihm nach. Lange steht sie nahezu unbeweglich da, das regelmäßige Heben und Senken ihrer Brust ist die einzige sichtbare Bewegung. Das dichte, silberweiße Haar, am Kopf durch ein Lederband zusammengehalten, fällt ihr offen über die Schultern, bis in den Rücken. Das wildlerderne Jagdhemd und die engen Beinkleider sind wie die weichen Stiefel in dunklen Grüntönen gehalten. Dann, als sie ihr Gesicht der sinkenden Sonne zuwendet, sieht man zum ersten Mal ihr Gesicht von vorne. Die großen, leicht schrägstehenden, dunkelgrünen Augen kontrastieren mit ihrer zarten Haut. Zusammen mit den hohen Wangenknochen und den vollen Lippen ergeben sie ein seltsames Bild, menschenähnlich und doch unverkennbar fremd und wild.

Unter ihrem rechten Auge sind zwei senkrechte Striche aufgemalt, wie Tränenspuren aus Asche. Die Elfin streicht sich in einer nachdenklichen Bewegung über die rechte Wange und verwischt die Farbe. Dann bemerkt sie die Farbe an ihrem Zeigefinger. Einen Augenblick starrt sie auf den schwarzen Fleck, während sich in ihrem Gesicht Gefühle abwechseln, schnell und kaum zu deuten. Plötzlich sind elfische Gelassenheit und innere Harmonie wie ausgelöscht. Mit unruhigen, fast hektischen Bewegungen greift sie nach dem Wolfsmesser und wischt es am Gras ab, bevor sie es in ihren Gürtel steckt. Dann hebt sie ihren Bogen wieder auf und steckt den Pfeil zurück in ihren Köcher, der ebenfalls am Gürtel hängt. Und obwohl sie sich wieder mit der fließenden Geschmeidigkeit bewegt, die ihre Rasse so sehr kennzeichnet, ist etwas Fremdes, Gehetztes in ihren Bewegungen spürbar, während sie in den Wald zurückläuft.

Nach einiger Zeit erreicht sie die kleine Tannenschonung, in der sie vor der Jagd ihre Habseligkeiten deponiert hatte. Sie wirft sich einen schwarzen, an Ärmeln und Kragen mit Stickereien verzierten Bauschumhang über ohne auf die weißen Federn der Schneeeule zu achten, mit denen er an Schulter und Kapuze eingefasst ist. Darüber kommt ein ebenfalls bestickter schwarzer Rucksack aus Wildleder, an dessen Seite der abgespannte Bogen Platz findet. Die Bogensehne wandert mit unsteten Bewegungen in eine der Gürteltaschen. Aus einer anderen zieht sie ein kleines Säckchen aus weichem Leder, dem sie ein Gemisch aus Ruß, Fett und Kräutern entnimmt. Mit dem Finger zieht sie die verwischten schwarzen Striche in ihrem Gesicht nach, sorgfältig - den inneren etwas länger als den äußeren. Zuletzt nimmt sie einen schwarzen, über eineinhalb Schritt langen Elfenspeer auf, der sorgsam an einen Baum gelehnt war, blickt sich hastig noch einmal um, bevor sie fast tonlos in Hochelbisch singend die kleine Schonung verlässt. Ein anderer Elf würde wohl in ihrem Lied die Worte »spurlos-trittlos-fährtenlos« erkennen. Außerhalb der Schonung bückt sie sich für einen Moment, witternd, wie um eine alte Spur aufzunehmen. Dann verschwindet sie mit unruhig flackernden Augen im Wald, während sich hinter ihr das Gras wieder aufrichtet und jede Spur ihrer Anwesenheit auslöscht.

~~~

Die Straße zwischen der Stadt Lohwangen und dem Neunaugensee führt in langgezogenen Kurven unterhalb der nordwestlichen Ausläufer des Finsterkammgebirges entlang. Die ganze Gegend ist fast völlig von dichten Wäldern bedeckt. Mit nur wenigen grasigen Lichtungen wirken sie wie ein mottenzerfressener, alter Teppich aus der Khôm. Die kaum befestigte Route, mehr Waldweg als Straße, windet sich durch kleine Täler und über niedrige Gebirgspässe. Abseits dieser Straßen sieht man selten einen Menschen und die Wenigen, die durch diese Gegend ziehen - nie allein und meist bewaffnet - haben immer einen guten Grund dazu. Viel zu nahe bei den Orklanden liegen diese Wälder und auch der Finsterkamm ist übel beleumundetes Gebiet, so dass für viele Reisenden schon leise Geräusche aus dem dichten Wald ausreichen, um schnell mit der Hand die Scheibe des Praios auf die Brust zu zeichnen oder ein Gebet zu ihrer jeweiligen Gottheit zu sprechen, während sie unsicher über die eigenen Schultern schauen.

Auf einer kleinen Lichtung, versteckt in einiger Entfernung von der Straße, brennt ein Lagerfeuer. Rundherum mit ausgehobenen Grassoden abgeschirmt und mit trockenem Holz versehen, ist es von der Straße nicht zu sehen. Auf einem Stein im Feuer steht eine alte verbeulte Blechkanne, aus der gerade das leise Zischen siedenden Wassers aufsteigt. In der Glut liegen einige in Blätter gerollte Fleischstücke und verbreiten einen scharf-würzigen Geruch. Rund um das Feuer herum lagert eine kleine Gruppe unterschiedlicher Personen.

Der eine ist unzweifelhaft ein Zwerg. In festes, aber abgestoßenes Lederzeug gehüllt sitzt er am Feuer, einen Rundschild auf den Rücken geschnallt. Sein Gesicht über dem geflochtenen Bart ist wettergegerbt, von tausenden kleiner Fältchen durchfurcht. Mit seinem flachen Topfhelm, dem großen Kriegshammer im Gürtel und einer auf seinen Rucksack geschnallten Eisenwalder Armbrust wirkt er wehrhaft, wie ein alter Dachs. Neben ihm auf einem Stein sitzt ein hochgewachsener hagerer Mensch. Er ist völlig in ein verschmutztes Buch mit angesengtem Ledereinband vertieft. Sein abgewetzter Reiseumhang mit den arkanen Symbolen, wie auch der lange, dunkle Bart lassen unschwer den Magier erkennen. Das Gesicht ist unter der Kapuze kaum erkennbar, die scharfe Nase wirft einen tiefen Schatten. Neben ihm liegen sein Stab und ein Rucksack, aus dem er eben ein Pergament zieht, um sich mit Feder und Tinte Notizen zu machen.

In einigen Schritt Entfernung auf einem Stein, sitzt ein ein dunkel gekleideter Mann. Er zerlegt und säubert im Schein der schwindenden Sonne konzentriert eine Windenarmbrust. Um ihn herum liegen auf einem Tuch Einzelteile und Waffenpflegeutensilien. Er trägt einen breitkrempigen Lederhut, neben ihm auf dem Boden liegen sein Mantel und ein schlankes zweihändiges Tuzakmesser, eine »Schwinge«. Die schwarzen Haare, der gestutzte Bart und vor allem die dunkle Haut zeigen die maraskanische Herkunft. Seine Statur wirkt eher zäh als kräftig, auf den Unterarmen sind durch das fadenscheinige Hemd eine Tätowierung und mehrere Narben sichtbar. Eine größere Narbe prägt sein Gesicht. Sie teilt die rechte Augenbraue, zieht sich dunkelrot über die gesamte Wange bis zum Mundwinkel und verleiht ihm einen seltsam finsteren Gesichtsausdruck.

Der Zwerg ist inzwischen mit dem Feuer beschäftigt. "Das Essen ist bald soweit" sagt er. Die Wörter rollen schwer und polternd von seinen Lippen, immer noch ist die Satzmelodie der Zwergensprache hörbar, während er das Garethi der Menschen spricht. Er greift mit einer Zange nach der Kanne, wirft einige Teeblätter hinein und stellt sie wieder aufs Feuer. Dabei spuckt er angewidert in die Glut. "Nicht mal was Anständiges zu Trinken", grollt er in seinen Bart. Er schiebt den verbeulten Eisenhelm zurück und kratzt sich an der Stirn.

"Bist Du sicher, dass wir kein Bier mehr haben?" fragt er den Magier. Der ist in sein Buch vertieft und antwortet nicht. Als der Zwerg seine Frage wiederholt, klappt er mit einer heftigen Bewegung das Buch zu und dreht sich zu seinem zwergischen Begleiter um. Ärger über die Störung zeigt sich in seinen Bewegungen. "Fugal, du Einfaltspinsel" fährt er den Kleinen an. "Du hast keine Ahnung, welchen Wert dieses Buch darstellt. Die hier beschriebenen Formeln und Cantiones findet man in kaum einer Bibliothek im ganzen garethischen Reich ... und du denkst an Bier." Mit weit ausladenden Armbewegungen unterstreicht er seine Rede, als fehlten ihm die Worte, um diese Ungeheuerlichkeit zu beschreiben. Die Kapuze seines Umhangs fällt durch die Bewegung nach hinten und enthüllt ein schmales leidenschaftliches Gesicht mit ausgeprägten Wangenknochen, umrahmt von langen schwarzen Haaren, die an den Schläfen schon mehr als nur eine Spur von Grau zeigen. Als er sein Gesicht dem Zwerg zuwendet, wird in seiner rechten Augenhöhle ein rötliches Funkeln sichtbar. Dort, wo einmal sein rechtes Auge war, sitzt ein dunkelroter Edelstein, der im Schein des Feuers leicht zu glühen scheint.

Der Zwerg scheint den Anblick ebenso gewöhnt zu sein, wie die heftigen Worte seines Gefährten. Ungerührt dreht er die in Blätter gehüllten Bratenstücke mit der Zange um. "Regt Euch ab, Meister el Kodir" sagt er brummelnd. "Können mir Eure »wertvollen Formeln« etwas zu trinken beschaffen? ... Na Also!" "Du bist ein Ignorant, Fugal!" erregt sich der dunkelhaarige Magier und will gerade zu einer längeren Erwiderung ausholen, als sich der Maraskaner vernehmen lässt. "Seid doch still!" In seiner Stimme, mit dem leicht singenden Tonfall seiner Inselheimat, liegt Nachdruck. "Dein Buch hat uns schon eine Menge Ärger eingebracht Magier." Er schüttelt sich einen Moment, ohne die Arbeit zu unterbrechen. "Seinetwegen haben wir einige viel zu große Wagnisse auf uns genommen und seinetwegen jagen uns diese Orks schon seit über einer Woche. Und auch wenn wir die letzten zwei Tage nichts mehr von ihnen gehört oder gesehen haben und alles scheint, als wären wir das verfluchte Geschmeiß endlich los, will ich nicht riskieren, dass Ihr sie durch einen nutzlosen und lauten Streit wieder auf uns aufmerksam macht." Er hebt den Kopf nicht, während er spricht, doch unter der Krempe seines Hutes beobachtet er sowohl die Umgebung, als auch seine so unterschiedlichen Reisegefährten mit lang geübter Wachsamkeit.

"Außerdem würde es mich auch interessieren, ob uns dieses Buch etwas einbringen wird." "Ich werde es nicht verkaufen, falls Ihr das meint." Der Magier rafft energisch seinen Umhang zusammen. "Ihr könnt - und das mag euch trösten - mit Bestimmtheit davon ausgehen, dass wir uns einige unangenehme Fragen der kaiserlich-garethischen »Wahrheitsfinder« ersparen werden, wenn wir das nicht versuchen." Bei der Erwähnung der Inquisition verfinstert sich das narbige Gesicht des Maraskaners noch mehr. "Es wird uns Wissen bringen", fährt el Kodir fort "und das ist mehr als ich mir wünschen konnte. Außerdem werdet Ihr bezahlt wie vereinbart, sobald wir sicher in der Akademie in Punin sind." Sein Gesprächspartner zieht spöttisch eine Augenbraue hoch, erwidert aber nichts mehr. Schweigend beginnt er, seine Armbrust zusammen zu setzen.

Eine Weile hört man nur das leise Knistern des Feuers und das leise Pfeifen des kochenden Wassers. Der Maraskaner ist mit seiner Armbrust fertig und packt sie in ein Futteral, bevor er sich mit der gleichen Hingabe seiner »Schwinge« widmet, die trotz der traditionellen Bezeichnung »Tuzakmesser« ein ausgewachsener Zwiehänder ist. Er zieht einen Wetzstein aus der Tasche und beginnt mit gleichmäßigen und konzentrierten Bewegungen die lange, schlanke Klinge mit den feinen Ziselierungen zu schärfen.

Über das leise Schleifen hört man plötzlich Hufschläge. Ein Pferd hält von der Straße her auf den kleinen improvisierten Lagerplatz zu. Der Zwerg und der Magier bleiben scheinbar unbekümmert am Feuer sitzen. Dennoch legt der Zwerg die schwielige rechte Hand auf dem Stiel des Kriegshammers, während der Maraskaner sein Tuzakmesser aufnimmt und sich mit einer gleitenden Bewegung lautlos in den Schatten zurückzieht. "Schnell, auf die Beine meine Gefährten! Wir müssen weiter." Noch bevor das Pferd den Lagerplatz erreicht hat, beginnt der Neuankömmling zu reden. Die Stimme des Reiters ist gedämpft, fast flüsternd.

Dann erscheint er auf der Lichtung, ein über zwei Schritt großer weißblonder Mensch mit breiten Schultern. Sein Helm mit dem verzierten Nasenschutz wird von einem kleinen Federbuch geziert, der Oberkörper steckt in einem polierten Spiegelpanzer mit dem Wappen der Barone von Hohenfels. Auf dem Rücken trägt der Reiter einen breiten Zwiehänder, während an seiner Hüfte ein silbern schimmerndes Schwertgehänge mit verkratzten ledernen Beinkleidern kontrastiert. Aufrecht sitzt er im Sattel, jede Handbreit ein Ritter, Absolvent einer traditionsreichen Kriegerakademie, ein Diener der Rondra.

"Dein Erkundungsritt war also »erfolgreich«, Elgan?" fragt der Zwerg, während auf der Lichtung alle gleichzeitig aktiv werden. Er packt die noch heißen Bratenstücke in ein Tuch ein, der Magier verstaut hektisch sein Buch und packt die Schreibutensilien weg. Der Maraskaner beginnt gleich nach den ersten Worten des Ritters, die Pferde los zu binden, die am anderen Ende der Lichtung angehobbelt sind. "Ja", lässt sich der blonde Hühne wieder vernehmen. "Ich war erfolgreich, obwohl ich wünschte, die Löwin hätte mir heute etwas anderes geschenkt als Erfolg. Vom letzten Pass aus konnte ich ziemlich klar mehrere große Feuer erkennen, keine Stunde Fußmarsch von hier." Immer noch sitzt er auf dem großen traditionell aufgezäumten Tralloper Kriegsroß, "Die Anzahl der Feuer deutet auf mindestens vierzig bis fünfzig Orks und - Rondra die Löwin vergebe mir - gegen eine solche Übermacht können wir nicht gewinnen, obwohl ich das Weglaufen satt habe." Angewidert verzieht er das weiße Gesicht mit den albinoroten Augen. "Ich sehne mich nach einem ehrlichen Kampf."

"Einen ehrlichen Kampf wirst du von diesen Orks nicht bekommen, Elgan" erwidert der Maraskaner, der inzwischen mit zwei aufgezäumten und nervösen Pferden zurückkommt. Sie schnauben unruhig und drängen sich gegeneinander. "Ich weiß! Aber deswegen muss es mir doch nicht gefallen, vor ihnen zu fliehen, wie ein Beuteltier, wenn der Wolf kommt." Elgan knurrt unwillig. "Manchmal machen schnelle Beine und ein wacher Verstand den Unterschied einem Feigling und Rabenfutter aus." Die maraskanische Intonation lässt den Satz leicht spöttisch erscheinen. Elgan schüttelt den Kopf mit dem schweren Helm. Ein Lächeln zieht über sein Gesicht. "Ich habe schon zu viel mit dir erlebt, dich zu oft kämpfen sehen, um dir den Feigling glauben zu können, Daiween." Der Maraskaner zieht die Augenbrauen nach oben, die Narbe verleiht ihm dabei einen seltsam asymmetrischen Gesichtsausdruck. Dann wendet er Elgan den Rücken zu und belädt sein Pferd. Seine Augen zeigen eine fast liebevolle Belustigung und lassen auf eine lange Freundschaft der beiden so unterschiedlichen Männer schließen.

Inzwischen hat der Zwerg mit dem frisch gebrühten Tee das Feuer gelöscht. Die aufsteigende Dampfwolke zerfasert vor dem dunkler werdenden Abendhimmel wie ein unruhiger Spuk. Fugal legt die ausgestochenen Grassoden über die Asche und hängt seinen Rucksack an das Packpferd. Dûl el Kodir, der Magier, befestigt dessen Zügel an seinem Sattel, bevor er sich auf das Pferd schwingt. Ein leichter Seufzer verrät, dass er für seinen Geschmack schon viel zu viel Stunden auf dem Pferderücken verbracht hat. Der Maraskaner sitzt bereits im Sattel und hebt mit einiger Anstrengung den grummelnden Zwerg hinter sich auf sein Pferd. "Dann lasst uns versuchen, soviel Abstand wie möglich zwischen uns und diese vermaledeiten Orks und ihre Fährtensucher zu legen, bevor sie sich morgen früh an unsere Fersen heften werden." Er gibt seinem Rappen die Sporen, die anderen Pferde folgen und die vier Männer verschwinden in der fallenden Dämmerung wie blasse Schemen.

Nur kurze Zeit später, der Geruch des Feuers ist in der kühler werdenden Luft noch eben spürbar, tauchen aus dem Unterholz vorsichtig lauernd drei dunkle Gestalten am Lagerplatz auf. Breitschultrig aber gebückt untersuchen sie den eben verlassenen Platz. Nur kurz halten sie sich auf, dann haben sie die Stelle entdeckt, an der eben noch das Feuer brannte. Eine vierte Gestalt erscheint am anderen Ende der Lichtung, dort wo die Pferde standen. Sie treffen sich in der Mitte der Lichtung und wechseln ein paar raue, kehlige Worte. Abgerissene, verdreckte Kleidungsstücke und gehärtete Lederharnische bedecken nur unzureichend ihre pelzartige Behaarung. Einer der Vier, er überragt seine Gefährten um fast eine Handbreit, trägt zusätzlich einen kurzen schwarzen Fellumhang und einen derb geschmiedeten Helm, über dem grobschlächtigen Kopf mit dem kräftigen Kiefer. Alle tragen lange Dolche am Gürtel und zusätzlich Speere oder schartige Äxte. Für einen Moment werden die Stimmen lauter und beinahe wütend, Streit liegt in der Luft. Dann raunzt der Große ein paar harte Sätze, die Stimme tief und grollend, und schlägt einem der Kontrahenten mit der flachen Hand vor die Stirn. Der weicht geduckt zurück. Die Oberlippe gefletscht, entblößt er seine Zähne, die Augen ärgerlich geweitet. Dann nickt er schließlich krampfhaft, wie gegen seinen Willen. Der Anführer murmelt ihm in schneller Folge einige Sätze zu, von kurzen Knurrlauten unterbrochen. Der kleinere Ork nickt mehrmals mit eingezogenem Kopf, dann schultert er seinen kurzen Speer und läuft geduckt zurück in Richtung Wald, nach Süden, von wo er eben noch gekommen war. Die anderen Drei folgen mit schnellen, raumgreifenden Bewegungen der Spur der Pferde.

Keiner der Orks bemerkt die schattenhafte Gestalt, die oberhalb der Lichtung auf dem Ast eines hohen Baumes steht, regungslos, bis auf das leichtes Heben und Senken ihrer Atemzüge. Für einen Moment verhärten sich die Züge der Elfin in tiefem Hass, während sie den Orks nachblickt. Dann greift sie wieder nach ihrem Speer, lässt sie sich in einer fließenden Bewegung vom Ast fallen, rollt sich mühelos im Gras ab und folgt den Schwarzpelzen, lautlos huschend wie ein jagendes Tier.

~~~

Der nächste Morgen findet den Zwerg und die drei so unterschiedlichen Menschen, viele Meilen weiter am Ufer des Svellt, an dem der Maraskaner gerade seinen Wasserschlauch füllt. Der Magier sitzt noch im Sattel, Gesicht und Haltung zeigen deutlich die Spuren der durchrittenen Nacht. Auch die Pferde atmen schwer. Durstig drängen sie zum Flussufer. Elgan von Hohenfels ist abgestiegen und reibt seinem Tralloper Riesen die Flanken ab. "Die Pferde machen das nicht mehr lange mit, Daiween." Seiner Stimme ist die Müdigkeit nicht anzumerken. "Und etwas zu Fressen brauchen sie auch." Der Maraskaner schaut nach dem Stand der eben aufgehenden Sonne und denkt für einen Moment nach. "Ja, du hast recht" sagt er. "Wir werden eine Stunde rasten und dann etwas langsamer weiter reiten. Ich hoffe, wir haben diese boronverfluchte Rotte heute Nacht abgeschüttelt." Trotz seiner Rede furcht er die Stirn unter der breiten Krempe seines Lederhutes und betrachtet misstrauisch den Waldrand, den sie eben verlassen hatten. Hinter ihm drängeln sich die Pferde trinkend am Flussufer, das unruhige Zucken ihrer Ohren ist ein deutliches Spiegelbild für die Anspannung ihrer Reiter.

Nicht einmal eine Stunden Fußmarsch südlich kniet die dunkel gekleidete Elfin am Fuße einer hohen Blutulme. Die Haare fest nach hinten gebunden untersucht sie den laubbedeckten Waldboden, reibt mehrere Blätter in der schlanken Hand und atmet schließlich mit geschlossenen Augen witternd einige tiefe Atemzüge durch die schmale Nase. Dann fängt sie an zu singen - die Hände an den Ulmenstamm gelegt - in verwobenen Harmonien, wie sie nur das alte Isdira und die Kehle einer Elfin hervorzubringen vermag. Sie singt Zaubersprüche vom Laub und den Wipfeln, von der Leichtfüßigkeit der Eichhörnchen und eilendem Lauf. Dabei beginnt sie den Stamm hinauf zu steigen ... zuerst langsam und stetig, dann immer schneller und gewandter. In nur wenigen Atemzügen ist sie schließlich oben in der mächtigen Krone des Baumes angekommen. Nur ein Blaukragenkauz, der auf einem Ast sitzend neben den Resten seiner nächtlichen Jagdbeute schläft, hört sie und öffnet blinzelnd ein Auge. Oben steht die Elfin für eine Weile in einer Astgabel. Ohne sich festzuhalten, angespannt, fast zitternd, richtet sie den Blick suchend nach Norden, mit der rechten Hand den dunklen Speer mit den silbernen Ornamenten umklammernd. Die linke Hand beschattet ihre grünfleckigen Augen während sie über die Wipfel späht. Ein leichter Dunst liegt über dem Wald, Grau-weiß über Grün, wie die fein geklöppelten Schleier der Lohwanger Weberinnen, über denen noch lange Schatten liegen. Am Rande ihres Sichtfeldes, gerade noch erkennbar, steigt ein Schwarm Vögel auf. Flatternd mit ärgerlichen Bewegungen schrauben sich die fernen Punkte in die Höhe, lassen sich ein Stück weiter erneut nieder, ehe sie wieder aufgeregt nach oben stieben. Als ihr Auge die Vögel bemerkt, weicht die Unruhe aus der Elfin. Kurz ziehen sich ihre vollen Lippen zurück, ein flüchtiges Lächeln enthüll die spitzen Zähne und dann beginnt sie wieder leise zu singen. Melodie und Worte fließen aus ihrer Kehle, uralt und dennoch neu, lebendig wie ein keimender Schössling. Erst auf einem, dann auf dem anderen Fuß balancierend zieht sie ihre Stiefel aus und hängt sie an ihren Gürtel. Dann nimmt sie den Speer leicht in beide Hände, so wie die fahrenden Gaukler ihre Balancierstangen. Leichtfüßig läuft sie über den dünner werdenden Ast nach außen, springt in einer fließenden Bewegung zu einem anderen Ast am nächsten Baum. Ohne auch nur einen Blick auf ihre Füße zu werfen, oder den Waldboden weit unter sich zu beachten läuft sie trittsicher von Baum zu Baum und ist auf diese Weise in wenigen Augenblicken im Wald verschwunden wie ein Hauch. Der Kauz schaut ihr nur kurz nach, ehe er seine empfindlichen Augen wieder schließt.

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Einige Meilen entfernt vom Ufer des Svellt verändern sich Vegetation und Landschaft. Die Bäume werden höher, stehen zunehmend weiter auseinander. Aus dem dichten Teppich des Waldes lösen sich immer mehr kleine Lichtungen, der Boden wird grasiger und der gedämpfte Hufschlag der Pferde, der eben noch von Waldboden, Laub und Moos erzählte, klingt langsam mehr und mehr nach dem dichten, hohen Gras der Gashoker Ebene. Der Magier und seine Begleiter reiten ihre erschöpften Pferde im Schritt. In Richtung Nordosten verlassen sie den Wald und gelangen langsam in offeneres Gelände. Es ist die zweite Stunde nach Tagesanbruch, die Sonne wirft helle Streifen in den tief hängenden Dunst, der sich nur zögernd, fast widerwillig auflöst. Die Pferde halten sich dicht beieinander, die Reiter hängen still ihren Gedanken nach, müde im Sattel vornübergebeugt.

Die Gesichter verraten wenig vom Inhalt der Gedanken, aber mehr als einmal späht einer der Reiter über die Schultern nach hinten. Ein leises Geräusch ist zu hören, als der Maraskaner unwillkürlich die Schwinge in ihrer Rückenscheide lockert. Fugal, der Zwerg, runzelt die Stirn, als er die Bewegung wahrnimmt. "Was ist los, Daiween?" fragt er. Der Maraskaner wendet sich im Sattel um, ohne sein Pferd zu zügeln. Einen Moment lang schaut er den Zwerg an, zögert mit der Antwort. "Irgendetwas stimmt hier nicht. Eigentlich müssten wir die Orks längst weit hinter uns gelassen haben, so wie wir unsere Pferde seit gestern Abend getrieben haben. "Wieder schaut er sich um, runzelt die Stirn. "Ich kenne weder diese Steppe, noch bin ich ein Waldläufer, aber Gror soll mich zu sich nehmen, wenn die Tiere dieser Steppe nicht viel zu still sind." Der Magier, der neben den beiden reitet, hebt lauschend den Kopf. "Ich kenne diese Steppe, Maraskaner. Und du hast recht: Es ist zu still hier. Viel zu still. Irgendetwas geht hier vor."

Elgan von Hohenfels dreht sich zu den anderen um. "Mit Steppentieren kenne ich mich nicht aus, aber ich weiß nur zu gut, wenn ich einen schlechten Platz für einen Kampf sehe, Vor allem gegen eine Übermacht von Gegnern" knurrt er. Unruhig versucht er im Dunst auszumachen, was um sie herum vorgeht. "Das Gelände hier ist viel zu offen, keine anständige Verteidigungsmöglichkeit und der Nebel verhindert, dass wir unsere Gegner rechtzeitig sehen. Gebe Rondra, dass ihr euch irrt. Wir sind die ganze Nacht geritten als wäre der Namenlose hinter uns her. Diese Rotte Orks kann einfach noch nicht hier sein." "Ich weiß nicht mehr, was diese haarigen Bastarde können und was nicht" meldet sich der Zwerg wieder zu Wort, "aber wir können nicht mehr lange so weiter machen." Wie geht die Strecke weiter, Meister el Kodir? Und glaubt Ihr, dass diese stinkenden Schwarzkittel schon so dicht hinter uns sein können?" wendet er sich an den Magier, der nun neben ihnen reitet.

Dûl el Kodir holt aus seinem Beutel ein Pergament und studiert es für einen Moment, bevor er antwortet: "Der Karte nach sind es noch drei bis vier Reitstunden, bis diese lockere Buschlandschaft von echter Steppe abgelöst wird." Bis zur nächsten Stadt sind es noch einmal doppelt so viel. Hier in der Gegend gibt es nur wenige Siedlungen." Er presst seine schmalen Lippen unwillkürlich noch fester zusammen. "Diese Orks haben sich in den letzten Tagen als schnell herausgestellt, die Zwölfe mögen sie verfluchen", sagt er. "Dennoch kann ich mir nicht vorstellen, dass es die gleichen sein sollen, die du gestern gesehen hast, Elgan. Vielleicht hat ein Teil der Rotte den Weg abgeschnitten, während nur die Hälfte in den letzten Tagen hinter uns geblieben sind. Wir haben schließlich einen Bogen geschlagen, um ihnen zu entkommen." "Woher sollten sie gewusst haben, wohin wir wollen?" Elgans Bassstimme lässt nicht erkennen, ob er beunruhigt ist, oder nicht. "Das weiß nur der »Namenlose«" lässt sich der dunkle Maraskaner hören. "Vielleicht täuschen wir uns auch." Aber noch während er das sagt, gleitet sein Auge unruhig nach hinten und seine Schultern bewegen sich unruhig wie der Rücken eines gefangen Wolfes.

Der Magier seufzt, als müsse er nun eine lange gefürchtete Entscheidung treffen. "Wartet einen Moment, ich will sehen, ob ich etwas entdecken kann." Er bringt sein Pferd zum Stehen und wendet sich im Sattel um. Dann streicht er sich kurz über die Augen und murmelt mit zusammengekniffenen Lippen: "Exposami Creatur - Weise mir des Lebens Spur". Anschließend öffnet er die Augen und späht in den dichten Nebel. Dann zuckt er plötzlich zusammen und flüstert leise: "Mindestens zwei Dutzend Lebewesen sind in einem Halbkreis hinter uns. Ich kann mit diesem Spruch keine Einzelheiten erkennen, aber die Größe passt nur zu gut zu diesen vermaledeiten Orks." Fugal, der Zwerg, lässt einen grollenden Zwergenfluch von seinen Lippen poltern und will schon aus dem Sattel springen. "Still!", herrscht ihn der Maraskaner an. "Sie wissen noch nicht, dass wir sie entdeckt haben."

Er schaut sich um, versucht den dichten Nebel mit den Augen zu durchdringen. Dann zeigt er nach vorne. "Dort hinten, zwischen die Bäume. Dort haben wir wenigstens eine Spur von Deckung", zischt er den anderen drängend zu. Seine Stimme hat jeglichen Spott verloren. Drängend klingt sie, hart und bestimmt. Fast gleichzeitig geben sie ihren Pferden die Sporen und reiten direkt auf eine kleine Buschgruppe zu, die vor ihnen schemenhaft im Nebel sichtbar wird. In diesem Moment ertönt hinter ihnen ein lautes Hornsignal und ein wilder Chor von rauen Rufen und bellenden Befehlen bricht los.

Die vier Gefährten erreichen die Buschgruppe und sind kaum abgestiegen, als schon die ersten Orks zwischen den Nebelschwaden auftauchen. Ohne jede Schlachtordnung aber bedrohlich und schnell rennen sie auf die Bäume zu, rempelnd und knurrend, tiefe Kampfschreie ausstoßend. Der Maraskaner und der Zwerg versuchen noch, die Armbrüste aus den Futteralen zu ziehen, aber es ist zu spät. Schon hat der erste Ork, ein großer Hauptmann mit Helmbusch, den Waldrand erreicht, springt mit einem mächtigen Satz über einen Busch, seine schartige Axt zum Schlag erhoben. Fugal rollt sich im letzten Moment zur Seite, lässt die Armbrust fallen und entgeht dem Hieb. Der Ork wird von seinem eigenen Schwung herum gerissen, gewinnt das Gleichgewicht zurück und hebt erneut die Axt. In diesem Moment streckt der Magier seinen Stab aus und der Orkhauptmann wird in einem blendenden Flammenstrahl von den Beinen gerissen. Schon sind die anderen Orks zwischen den Büschen. Elgan schwingt präzise den großen Zwiehänder und tötet einen pelzigen kleinen Orks. Ein anderer wirft seinen Speer auf den Maraskaner, der aber duckt sich unter dem Wurf hindurch und die scharfe Schneide seiner "Schwinge" trifft den Gegner mitten im Lauf. Er kippt vornüber.

Wieder schießt aus dem Stab des Magiers ein Flammenstrahl und findet sein Ziel. Ein kleinerer grauhaariger Ork springt Fugal von der Seite an, aber das lange Messer in seiner Hand trifft nur den harten Zwergenschild. Fugals Axt beschreibt einen tiefen Bogen und gräbt sich hart ins linke Bein des Feindes. "Haah, kommt her, Ihr Maden!" ruft der Zwerg und richtet sich auf. Gerade noch rechtzeitig dreht er sich um und pariert einen harten Axthieb mit dem Stiel der eigenen Axt. Er wirft sich nach vorne, gegen die Beine seines Gegners und bringt ihn zu Fall.

Elgan von Hohenfels steht mit dem Rücken an einen großen Baum gelehnt. Zwei tote Orks liegen vor ihm aber vier weitere dringen laut brüllend auf ihn ein. Einhändig führt der große Albino seinen Zwiehänder in mehreren harten Hieben auf die Schilde der rechten beiden Orks, während sein zweites Schwert in der Linken die anderen auf Abstand hält. Die roten Augen leuchten, weit aufgerissen, in dem bleichen Gesicht. Aber der Baum, der seinen Rücken schützt, behindert ihn auch. Der nächste Schlag wird durch einen Ast gehemmt und blitzschnell stößt der eine Ork seinen Speer in Elgans Seite. Der Stoß wird durch den Brustpanzer abgelenkt und trifft Elgans Hüfte. Der große Albino schwankt einen Moment ungläubig nach rechts und geht dann krachend zu Boden. Der Zwiehänder entgleitet ihm. "Rondra hilf", flüstert er heiser.

Die vier Orks jubeln und einer hebt schon seine Axt, als plötzlich ein scharfes Surren zu hören ist. Die Waffe entfällt dem Ork, während er nach hinten stürzt. In seiner Kehle steckt ein graugefiederter Pfeil. Ein zweiter Pfeil zischt auf die Orks zu und trifft den Speerkämpfer. Sein Lederharnisch hat der Wucht dieses Schusses nichts entgegenzusetzen und mit einem Schmerzensschrei umklammert er seine Schulter. Die anderen beiden reißen die Augen auf und suchen, sich vor diesem schnellen Tod zu schützen. Oben aus dem Nachbarbaum springt die grüngekleidete Elfin, den Mondspeer in der Hand. Mit einer schnellen Rolle dreht sie den schlanken Körper in der Luft, während sie einen durchdringenden Schrei hören lässt, ein schrilles Trillern. Sie trifft den größeren der beiden Orks mit der Sohle genau auf die nach oben gerichtete Stirn. Er fällt. Noch mit dem Schwung des Sprungs treibt sie den Speer in seine Brust.

In einer fließenden Bewegung rollt sie sich ab, wie eine Katze und wendet sich dem vierten Gegner zu. Kaum dass er weiß, wie ihm geschieht, hat sie das lange Wolfsmesser in der Rechten und richtet sich auf, die vollen Lippen wie fauchend geöffnet. Das ist zu viel für ihn. Er weicht zurück und stolpert fast über einen toten Kameraden. Dann dreht er sich um und flüchtet, als wäre der »Namenlose« selbst hinter ihm her. Für einen kurzen Moment fällt Stille auf die Kämpfenden. Daiween erholt sich als Erster und erschlägt seinen im Schrecken erstarrten Gegner. Der Magier stößt seinen Stab mit Wucht auf den Waldboden und nach oben löst sich eine gewaltige Flamme, die bis in die Krone der Bäume reicht. Die letzen Orks fliehen.

Daiween atmet einige Atemzüge lang tief durch und sieht sich um. Dann geht er einige Schritte und zieht fast amüsiert einen toten Körper zur Seite. Fugal, der darunter liegt, rappelt sich auf. "Danke Mann", brummt er, schwer atmend. "Du hast was bei mir gut." Daiween schaut ihn für einen kurzen Moment wortlos an. "Ich werde deinen Dank aufbewahren." Er klingt ganz ernst. Dann kehrt der leichte Spott in seine Stimme zurück: "Das solltest Du nicht zur Gewohnheit machen." "Was?" fragt Fugal leicht irritiert. "Unter den Orks zu kämpfen. Das könnte auch mal daneben gehen." Jetzt grinst er ganz offen. "Hrm", brummelt der Zwerg unwillig. "Mach' dich nur lustig, du schwarzhaarige Bachstelze." Doch dann lacht er auch und mit dem Lachen fällt ein Teil der Anspannung von ihm ab. "Das nächste Mal werde ich auch von oben auf sie herunterspringen." Dabei dreht er den Kopf und deutet zu der Elfin hinüber, die eben neben Elgan niederkniet und ihn vorsichtig auf den Rücken dreht.

Sie legt eben die Hände auf seine Hüfte und beginnt zu singen: "Bhal' Sama sala bian da'o." Wieder strömen die verschlungenen Harmonien und klingenden Worte des Isdira von ihren Lippen, während sie von Heilung singt. Elgan, der eben noch versuchte, vor ihr weg zu kriechen, liegt jetzt ganz still und seine roten Augen schließen sich. "Was macht sie da", fährt der Zwerg auf und will auf das ungleiche Paar zustürzen. Der Magier hält ihn am Arm zurück. "Halt", sagt er ohne Fugal dabei anzusehen. "Sei still!" Fasziniert betrachtet er die Elfin. "Ich erkenne das arkane Muster", sagt er leise, wie um sie nicht zu stören. "Aber noch nie habe ich gesehen, wie eine Waldelfe den »Balsam Salabunde« singt. So anders, so fließend, so viele Stränge." Langsam schüttelt er den Kopf. "Welch unerwartete Wendung des Schicksals."

Dann endet der Gesang der Elfin. Sie öffnet ihre Augen und blickt die drei Gefährten über den liegenden Elgan an. "Wer seid Ihr?" fragt der Magier. Sie erhebt sich langsam, das Wolfsmesser wieder in der Hand. "Ir ahwa aha sanya" sagt sie und hebt die linke Hand, die Handfläche nach außen. "Was?" fragt Fugal und legt den Kopf schräg. "Wartet eine Zeit, dann werden wir uns grüßen" sagt sie, jetzt in Garethi. Zögernd klingt es, als müsste ihre Zunge die Worte erst ertasten. Sie dreht sich um und beugt sich über einen Ork, der neben Elgan auf dem Boden liegt. Sie zieht den Speer aus einer Brust und kniet sich neben ihn. Dann reißt sie ihm mit einer heftigen Bewegung die grobe Lederkappe vom Kopf und streicht ihm über Stirn und Wange. Ganz konzentriert, mit zwei ihrer schlanken Finger. Für einen Moment legt sie die Hand auf ihr Herz, bevor sie sich dem nächsten Ork zuwendet.

Ihre Bewegungen sind unruhig und wie von innerem Widerstreit zerrissen. Insgesamt 14 Orks liegen erschlagen in dem kleinen Waldstück. Zu einem nach dem anderen bewegt sich die Elfin, immer schneller, unruhiger reißt sie jedem Helm oder Kappe vom Kopf, berührt Stirn und Wange und legt anschließend die Hand auf ihr Herz. Der Zwerg schaut sprachlos zu, die Hände schließen sich nervös um seine Axt, während Dûl el Kodir sich neben Elgan von Hohenfels niederkniet, der eben die Augen öffnet. Keiner sagt ein Wort. Eine seltsame Scheu hat sie erfasst. Nur der Maraskaner ist inzwischen schon wieder aktiv und sucht im Hintergrund des kleinen Wäldchens nach den Pferden, die sich während des Kampfes ein wenig entfernt hatten. Aber auch er beobachtet das seltsame Verhalten der Elfin.

Als sie neben dem vorletzten Ork kniet, dem der als erster von Dûl el Kodirs Flammenstrahl gefällt worden war, richtet sich plötzlich hinter ihr der letzte Ork auf und greift nach seiner Axt. Einen Moment scheint es, als könne er sie überrumpeln, da spürt sie seine Bewegung und lässt sich in einer Rolle nach vorne fallen. Die Axt zerteilt nur leere Luft, wo eben noch ihr Kopf war. Noch im Liegen rollt sie sich herum um sich wehren. Aber da trifft den Ork ein unsichtbarer Donnerkeil aus der Hand des Magiers. Er wird noch einen Schritt zur Seite gerissen und stürzt zu Boden. Schon ist die Elfin über ihm und setzt ihm das Wolfsmesser an die Kehle. "Wo ist Burûk der Graue?" herrscht sie ihn an. Doch jede Lebenskraft des Orks ist aufgebraucht. "Den Hauptmann wirst du nie ..." röchelt er, den Mund voll Blut. Seine höhnische Grimasse erstarrt als er stirbt. Von Wut gepackt entringt sich der Kehle der Elfin ein lauter Schrei. Schrill steigt er an um dann in einem schrillen, klagenden Laut zu verklingen. Sie schlägt die Hände vors Gesicht.

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Erst eine ganze Weile später steht sie auf und dreht sich zu den vier Gefährten um, die inzwischen näher gekommen sind. Dûl el Kodir macht eine hilflose Geste mit der Hand, als wolle er etwas sagen. Aber es dauert noch eine ganze Weile, bis seine Stimme den Weg aus der Kehle findet. "Mein Name ist Dûl el Kodir, Absolvent der »Akademia der Hohen Magie zu Punin«" sagt er. "Ich danke Euch für diese unerwartete Hilfe und dafür, dass Ihr unseren Freund Elgan von Hohenfels Eure vortreffliche Heilkunst zukommen ließet." Er deutet auf den Ritter. "Sanya bha talri. Feyda Feyahlîr Madaliv'. Seid gegrüßt. Ich bin Feyahlîr Mondspeer aus den Salamandersteinen", antwortet die Elfin - ihre Stimme jetzt wieder melodisch und voll. Sie lässt die Augen über die Gruppe schweifen. "Wer gegen die »Fialgra« kämpft, die Ihr Orks nennt, an dessen Seite kämpfe ich." Der Maraskaner hebt grüßend die Hand. "Sanyasala, feyiama!" Die elfischen Laute klingen rau aber verständlich. "Mein Name ist Daiween Ascharai." Überrascht schaut die Elfin ihn an, dann lächelt sie, als sie die vertraute Begrüßung aus seinem Mund hört. "Auch ich grüße Euch, Schwarzhaar."

"Fugal, Sohn des Borolusch, aus dem »ehernen Schwert« zu Euren Diensten." Fast rituell klingt die Begrüßung des Zwerges und die Elfin verneigt sich leicht. "Elgan von Hohenfels, aus Periccum" lässt sich die tiefe Stimme des eben geheilten Ritters hören. "Ich habe sehr zu danken, was meine Hüfte angeht." Prüfend bewegt er noch einmal sein Bein und betastet seine Seite, wo nur noch die blutbefleckten und zerrissenen Beinkleider von seiner tiefen Verwundung zeugen. "Es wurde gerne gegeben" antwortet Mondspeer und blickt ihm intensiv in die albinoroten Augen. Trotz seiner freundlichen Rede zuckt Elgan unwillkürlich ein wenig zurück und senkt die Augen, wie von einem inneren Zwiespalt hin- und her gerissen.

Nach einem kurzen Augenblick durchbricht der Magier den stummen Dialog. "Was brachte Euch in diese abgelegene Gegend, genau zur rechten Zeit?" fragt er. "War's Zufall oder Absicht?" Die Elfin schaut ihn an und zögert. Für einen kleinen Augenblick verschleiert sich ihr Blick als würde sie einer Erinnerung nachhängen. "Seit vielen Monden schon suchte ich die Spur dieser Gruppe »Ochazzai«." Die orkische Sippenbezeichnung klingt fremd aus ihrem Mund. "Wenn sie sich nicht Dank Euch aus ihren dunklen Löchern gewagt hätten ..." mit einer hilflosen Geste dreht sie die Handflächen nach oben. "Denn dass sie Euch verfolgten, sah ich in ihren Spuren. Nur frage ich mich, warum?"

Nun zögert der Magier. Zweimal setzt er zu Sprechen an, bevor er endlich redet: "Wir haben jemand etwas »abgenommen«, der darüber nicht wirklich fröhlich war." Sein hageres Gesicht zeigt etwas wie ein schiefes Lächeln bei seiner eigenen Formulierung. Dann wird er ernst. "Doch leider hatte dieser Jemand großen Einfluss auf die Orks. Seit einer Woche jagen sie uns schon. Wir werden sie nicht los."

"Ich werde Euch Talri, Rosenohren, nie verstehen. Was für ein Ding könnte wohl soviel Tote wert sein? Ich hoffe, Ihr habt es gut verborgen, was immer es ist." In ihrer Stimme liegt ein Hauch von Spott. Es ist der Maraskaner, der ihr antwortet: "Aleéza, Talri Bhâl Da'o. Die Sammelleidenschaft der Menschen ist wie ein Dorn in ihrem Fleisch." Die Stimme wirkt ganz ernst, doch seine Augenwinkel zeigen leisen Spott. "Seid unbesorgt, Dûl el Kodir trägt es in seinem Sack und lässt es selten aus den Augen." Die Elfin zuckt zusammen und wendet sich zum Magier: "Ein kleiner Rückensack aus Leder? Der dort an jenem Baum lag? Einen der Orks sah ich ihn nehmen." Der hagere Magier reißt die Augen auf und wird ganz blass. Dann stürzt er zu dem Baum, auf den die Elfin zeigte. "Nein", schreit er auf, Entsetzen in der Stimme. "Der Sack ist weg, das Buch gestohlen. Schnell, Daiween! Elgan, auf die Pferde. Wir müssen sie verfolgen."

Der Maraskaner sitzt schon halb im Sattel, als sich plötzlich der Zwerg bemerkbar macht. "Langsam, langsam, Meister el Kodir" sagt er. "Wir haben nun schon mehr getan, als abgemacht. Ein Auftrag von wenigen Tagen nur sollte es werden, habt Ihr uns gesagt." Noch immer stützt er sich auf seine Axt. "Jetzt jagen uns diese Orks schon viel zu lange. Der letzte Kampf war hart, Elgan war schwer verletzt. Und Ihr verlangt, wir sollen diese Orks verfolgen? Das geht so nicht." Unwillig stößt er seine Axt in ihren Gurt. "Du kannst mich jetzt nicht hängen lassen, Fugal!" schreit ihn der Magier an. "Masch arim domedin domeda" bricht es grummelnd aus dem Zwerg heraus. "Ihr kennt mich und meinen Wert. Ich lasse niemand hängen." Unwillig tritt er auf den hageren Magier zu, das bärtige Kinn fast trotzig vorgereckt. "Aber der Handschlag galt bis hier. Ab jetzt wird neu verhandelt" grollt er und verschränkt die kräftigen Arme vor seiner Brust.

"Oh die verfluchte Goldgier deiner Sippe!" schreit der Magier. "Mögest du daran ersticken!" Fast tobend steht er vor dem Zwerg. "Fugal hat Recht", sagt Daiween. "Der alte Vertrag ist schon genug gedehnt. Wie sieht es aus?". Der Magier fährt herum. Für einen Moment scheint es, als wolle er den Maraskaner anschreien, dann gibt er nach. "Doppelter Sold ... oder nichts". Voll Zorn presst er die Worte durch die ohnehin schon schmalen Lippen. "Einverstanden, für meinen Teil" antwortet Daiween gelassen. "Fugal, Elgan? Was mein Ihr?" "Fortombla hortomosch! Für diesen Preis bin ich dabei." Der Zwerg ist ernst, aber seine Augen funkeln vergnügt bei diesem Angebot. "Kleinmütig ist es, den Bedrängten zu berauben", sagt Elgan von Hohenfels und steigt schon auf sein großes Pferd. "Ich hätte sowieso geholfen." "Kein Kunststück", schnaubt Fugal. "Nicht jeder erbt einmal ein großes Gut und Schloss." "Schluss jetzt", herrscht der Magier die beiden an, noch immer voller Spannung drängt er zur Eile. "Wir müssen los."

Er nimmt die Zügel seines Pferdes aus Daiweens Hand und will sich eben in den Sattel schwingen, da fällt ihm Mondspeer wieder ein, die diesen harschen Wortwechsel wortlos verfolgt, verblüfftes Staunen in den grünen Augen. "Wollt ihr nicht mit uns kommen?" fragt er. "Ihr währet eine große Hilfe." Der Maraskaner nickt anerkennend mit dem Kopf. "Euer Speer wäre an unserer Seite sehr willkommen, Ihr könntet auf Elgans Pferd mitreiten." Er deutet auf den großen Tralloper. Das Tier, mit Elgan im Sattel, macht einen nervösen Schritt zu Seite und schnaubt. Überraschung streift für einen Augenblick Daiweens Gesicht. Kurz schaut er den großen Albino mit hochgezogenen Augenbrauen an. Dann hat er seine Mimik wieder im Griff.

"Dein Kampf sei auch der meine und wie Brüder wollen wir kämpfen", sagt Mondspeer. Sie spricht es feierlich wie einen alten Schwur. In einer fließenden Bewegung überkreuzt sie die geöffneten Hände, bevor sie mit der linken Hand den Speer aufrecht zwischen sich und Dûl stellt. Die rechte legt sie auf ihr Herz. "Berührt den Speer mit Eurer linken Hand", fordert Daiween den Magier auf. "Das ist ein Angebot, dass selten gemacht wird." "Ich nehme den Eid an", sagt Dûl und umfasst den Speer mit der Hand. "Eorla, so sei es!" Die Elfin neigt den Kopf.

"Dann lasst uns reiten", sagt sie. Schnell holt sie den Rucksack aus einer Astgabel, nimmt ihren Speer wieder aus Dûls Hand und läuft dann plötzlich hinter ein paar Büsche. Ihre neuen Kampfgefährten schauen sich verblüfft an, als sie die Elfin einen wiehernden Laut ausstoßen hören. Nur wenige Augenblicke später kommt sie zurück. "Ihr solltet reiten", sagt sie. "Mein Pferd wird gleich hier sein. Es läuft wie der Ostwind über den Wipfeln und ich werde euch schneller einholen, als ihr die »Fialgra«." Daiween nickt, mit nachdenklichem Gesichtsausdruck. "Dann los", sagt er und zieht Fugal auf's Pferd. Auch Dûl schwingt sich in den Sattel und gemeinsam treiben alle drei die Pferde an. Die schlanke Elfin blickt ihnen nach, während der Nebel sie verschluckt. Mit verschränkten Armen steht sie fast regungslos da und nur ein leichtes Zittern läuft durch ihren Körper.

Nur kurz steht sie so, dann hebt sie lauschend den Kopf. Sie rückt den Köcher zurecht, der immer noch an der Seite des Rucksacks hängt und läuft einige federnde Schritte aus dem Buschwerk ins offene Gras. Dort hört sie schnellen Hufschlag und aus dem Nebel taucht ein großes Pferd auf. Das durch den Nebel sanft gebrochene Licht schillert auf seinem weißen Fell, während es von Norden heran galoppiert. Dicht vor Mondspeer fällt es aus seinem schnellen Lauf und bleibt direkt vor ihr stehen. "Danke, dass Du gekommen bist, Goldmähne" Die Elfin streicht dem großen Tier sanft über seine Schnauze. "Willst Du mich eine Weile tragen?" Das Pferd schnaubt kurz und senkt den Kopf. "Ich danke Dir!" Die Elfin schwingt sich leicht auf seinen Rücken und das stolze Tier stiebt ohne weitere Aufforderung auf der Spur der anderen Pferde davon. Schnell verklingt sein Hufschlag im Nebel, dann liegt die Lichtung wieder verlassen da, und nur der Nebel zieht noch lautlos über feuchte Blätter und dunkles Blut gerinnt im Gras.

~~~

Die Gashoker Ebene gleicht einem dichten grünen Teppich, auch wenn nach diesem Sommer ein heller, sandfarbener Hauch im Gras von der vergangenen Dürre zeugt. Vier Pferde ziehen eine dunkle Linie durch dieses Meer von Gras, wie einen geraden Strich nach Westen. Daiweens zäher Rappe zeigt einen müden Gang und auch das Pferd des Magiers scheint angeschlagen. Elgan, dessen Tralloper noch immer keine Spur von Erschöpfung zeigt, schaut immer wieder zu dem großen weißen Pferd und seiner Reiterin. Ohne Sattel und Zaumzeug sitzt sie aufrecht da und unterhält sich mit Daiween. Ihre silberweißen, nach hinten gebundenen Haare flattern. Einige Strähnen haben sich um den Schaft ihres Speeres gewickelt und bilden einen scharfen Kontrast zu dem schwarzen Holz. Und während sich Elgans Augen in den verschlungenen Intarsien des Speeres verlieren, wandert sein Geist zurück.

Schnell hatten sie die Spur der Orks aufgenommen und die Flüchtigen eingeholt. Der Kampf war heftig aber nachdem drei der überlebenden Orks unter den wütenden Attacken der Elfin und Donnerkeilen aus Dûls Stab gestorben waren, ergaben sich die letzten Zwei. Dûl el Kodir wob grimmig einen »Imperavi Animus« und brach damit das Schweigen der struppigen Bastarde. Aber was die Gefangenen erzählten, machte ihn nur noch zorniger. Das Buch war längst in den Satteltaschen eines berittenen Ork-Kriegers und auf dem Weg zum Lager der Ochozai. Ohne weitere Fragen sprang Mondspeer auf ihr Pferd und verfolgte seine Fährte, die grünen Augen starr auf den Boden gerichtet, die Zähne gefletscht. Und so jagen sie wieder auf der Spur eines Orks rastlos nach Westen.

Elgan reißt sich aus seinen Gedanken, denn während sie reiten erzählt die Elfin aus ihrem Leben. Von ihrer Kindheit in den Salamandersteinen spricht sie, wo ihre Sippe tief im Wald verborgen lebt. Von ihrem Vater, dem Jäger und ihrer Mutter Aîlamja Fließendes-Wasser, die bei ihrer Geburt das Lied von den glitzernden Wellen sang und ihr damit den ersten Namen gab. Sie berichtet liebevoll von ihrem kleinen Bruder, der voller Freude sein erstes Jagdhemd trug. Und sie singt - von den großen Bäumen des Waldes, von den schwirrenden Vögeln und scheuen Tieren, von Wasserfällen in den dunklen Schluchten der Salamandersteine.

Mit weicher Stimme webt sie ein trauriges Lied davon, wie sie den schwarzhaarigen Aarîan Sternenläufer kennen lernte, der schnell wie ein Pfeil über Seen und Bäche lief. Er war ein »a'seela awa'e«, ein Wasserläufer, so wie sie eine Wipfelläuferin war. Und in ihrer Stimme klingt noch der Wind über den Tannen. Sie klagt voll Trauer in Garethi und Elfisch von jenem Sommer, in dem sich ihre Seelen fanden. Von den Vorbereitungen zur Hochzeit, als sich beide Sippen auf halber Strecke getroffen hatten, um zu feiern. Wie die verkleideten Sippenbrüder und -schwestern den traditionellen Tanz tanzten, und wie sie und Aarîan sich zurückzogen, um miteinander das »Seelenlied« zu singen.

Und schließlich wird ihre Stimme hart, als sie davon berichtet, wie in diesem Moment ein ganzer Trupp der »Ochozai« das Lager überfiel. "Wir hörten die Schreie und das Singen der Bogensehnen, und wir rannten los, um zu helfen." Ihre Stimme wird leise, fast tonlos, als sie davon spricht, wie sie ihren kleinen Bruder fand - tödlich verwundet. "Er war noch so jung." Der Schmerz in ihrer Stimme lässt Elgan schauern. Dann sagt sie nichts mehr, bis Daiween sich rührt. "Und Aarîan? Was passierte mit ihm?"

"Eine Axt in den Rücken, das passierte", antwortet sie hart. "Während mein Bruder in meinen Armen starb." Am Tag ihrer Hochzeit verlor sie alles: Freunde, Familie und ihren Seelengefährten. "Aarîan sagte mit noch, wer sein Mörder gewesen war: Ein großgewachsener grauhaariger Ork mit einer hellen Narbe auf seiner Stirn." Und dann nennt sie, mit Hass im Blick, seinen Namen: "Burûk der Graue". "Ich habe nicht einmal mehr die Totenlieder gesungen", erzählt sie ihnen, "bevor ich die Spur der Orks aufnahm, um meine Sippe und Aarîan zu rächen. Seitdem verfolge ich sie. Oft verlor sich ihre Spur und ihr Lager fand ich noch nie und doch mussten viele von Ihnen schon sterben. Sie haben gelernt, mich zu fürchten." Aber während sie spricht zerfließen die Striche auf ihren Wangen von lautlosen Tränen.

Und während die Elfin ihr Pferd antreibt, unermüdlich und ruhelos, wendet sich Elgan dem Magier zu. Unsicher schaut er ihn an und deutet auf Mondspeer. "Ich verstehe Euch nicht, Meister el Kodir", sagt er ihn leise und zweifelnd. "Ihr habt ihren Eid angenommen, als würdet Ihr dieser Waldelfin trauen." Verblüfft dreht sich Dûl zu ihm um. "Warum sollte ich nicht?" "Sie ist eine Ketzerin", bricht es aus Elgan heraus. "Die Elfen leugnen die Zwölfgötter! Sie stehlen und kennen keine Scham." Die Hände des großen Albinos verkrampfen sich um seine Zügel, die Knöcheln weiß. "Ah, daher weht der Wind. Elgan, mein Freund, sei ohne Sorge!" Ein leichtes Lächeln lockert das müde Gesicht des Magiers auf. "Die Elfen leugnen die Zwölfe nicht. Sie halten sie nur nicht für Götter. Und dass sie dich heilte, schadet nicht deinem Karma. Du bist noch immer ein Diener der Löwin." Einen Moment schaut der Hüne den Magier zweifelnd mit unruhigen Augen an. Dann lacht er erleichtert und richtet sich auf. "So lasst uns Schwarzkittel jagen!" Mit der Geschicklichkeit des erfahrenen Reiters treibt er sein Pferd an und sein weißer Helmbusch flattert im Wind.

"Wie lange noch?" fragt Daiween die Elfin, die sich eben vornüber gebeugt in die Fährte vertieft. "Er reitet sein Pferd noch zugrunde, so wie er es antreibt. Khar Gra Fialgra", sagt sie verachtend und spuckt ins Gras. Dann schaut sie Daiween an. "Wir werden ihn kaum einholen können, bevor er die Seinen erreicht." "Dann lass uns hoffen, dass die beiden Schwarzkittel recht hatten und der größte Teil des Trupps inzwischen zurück ins Orkland gerufen wurde", erwidert Daiween. "Wenn Burûk noch da ist; dann zähle ich die Gegner nicht." Ihre grünen Augen flackern in ihrem bleichen Gesicht.

~~~

Die schmale Mondsichel steht dünn wie ein Fingernagel tief im Osten. Ihr Licht glitzert auf den leise strömenden Wassern des Svellt. Die Biegung des Flusses umschließt eine moorige, nur von halbhohen Büschen und Schilf bewachsene Halbinsel. Kleine Wasserlachen und Sumpflöcher schimmern fahl. Etwa hundert Schritt vom Flussufer entfernt brennen unter einer Handvoll Bäume vier klägliche Feuer. Sie spenden kaum Licht und noch weniger Wärme. Knapp zwei Handvoll Orks lagern rund um die Feuer. Die Reste ihres Nachtmahls verbrennen zischend in der Glut.

Am hellsten Feuer sitzt eine kleine Gruppe um einen größeren Ork. Die Flammen beleuchten sein grobes Gesicht unter dem kantigen Helm. Der Nasenschutz ist in der Form einer Natter geschmiedet, fünf Hörner ragen wie ein querstehender Kamm aus dem rostigen Eisen. Er zieht den Fellumhang enger um seine Schultern und grinst seinen Nebenmann an. "Scheiß' auf das Pferd, Barkhû", nimmt er den Faden seines Gespräches wieder auf. "Wir haben ein neues für dich. Hauptsache, das Buch ist wieder hier." Er raunzt einen der Krieger ein paar Befehle zu. Der verschwindet im Schatten und bringt dem Großen nach einigen Augenblicken eine kleine, eisenbeschlagene Holzschatulle.

Burûk nimmt die Schatulle und öffnet sie mit einem kleinen Schlüssel aus einer Gürteltasche. Er lässt das angesengte Buch vorsichtig in das Kästchen gleiten. Der Deckel knarrt, als er ihn zufallen lässt. Dann verschließt er das Ganze und lässt seine, haarige Klaue besitzergreifend auf die Schatulle fallen. "So, jetzt ist es sicher." Dann wendet er sich seiner Rotte zu. "Löscht endlich die Feuer und haltet die Klappe, ihr elenden Ratten. Ihr werdet nicht lange schlafen. Noch vor Sonnenaufgang brechen wir auf." Es gibt einiges Murren und gemurmelte Flüche. Dann ersterben die Feuer und Dunkelheit fällt über das Lager.

Nur knapp eine Meile flussabwärts schnaubt leise ein Pferd. "Schsch ..." Mondspeer legt Daiweens Rappen beruhigend ihre Finger auf die Stirn. "Wo bleibt er so lange", flüstert Fugal. Fast regungslos stehen Elgan von Hohenfels, Fugal und der Magier im Schatten einiger Bäume. Dûl el Kodir zuckt, im Dunkeln nicht wahrnehmbar, mit den Schultern. Dann zischt er fast lautlos "Sei still. Wer weiß, wie lange er braucht. Er muss schließlich vorsichtig sein." Der Zwerg grummelt noch leise vor sich hin, als sich aus dem Schatten eine Hand auf seinen Mund legt. Fugal erstarrt für einen Moment, dann hört er die Stimme des Maraskaners. "Wenn ich ein Ork wäre, wärst du jetzt tot! Sei froh, dass die Rotte zu faul zum Kundschaften ist." Daiween wird gleich wieder ernst. "Hört zu. Ein gutes Dutzend Schwarzpelze hat da vorn in der Flussbiegung ihr Lager, und sie haben das Buch." Der Magier schnippt mit den Fingern und über seiner Hand erscheint ein kleines blaues Licht. Erregt leuchtet er in das dunkle Gesicht des Maraskaners. "Bist du dir sicher?" Daiween zuckt zusammen. "Mach aus. Wo ist dein Verstand?" faucht er den Magier an. Die kleine blaue Kugel verlöscht. "Ja, ich bin sicher. Ich hab' es gesehen." Jetzt mischt sich auch Mondspeer in das Gespräch ein. "Sind es die »Ochozai«? Ist Burûk dabei?" fragt sie, ihre Stimme klingt kalt. "Hm-m, es ist diese Brut. Ich kenne Burûk den Grauen nicht, aber das Kommando hat ein großer gemeiner Hauptmann."

"Was machen wir jetzt, Meister el Kodir?" fragt Elgan leise. Seine Rechte umfasst den Griff seines Schwertes. "Ich gehe mit Daiween und hole das Buch" antwortet Magier und der rote Stein in seinem rechten Auge scheint im Dunkel zu glühen. Der hagere Maraskaner hält ihn am Ärmel fest. "Viel zu gefährlich. Der Hauptmann schläft direkt bei dem Buch. Habt Ihr einen Zauber, der uns jetzt hilft?" Dûl schüttelt den Kopf. "Für einen Schlafzauber sind es zu viele, oder was meint Ihr?", wendet er sich an die Elfin. Dann reißt er die Augen auf. Der Platz, an dem Mondspeer eben noch stand, ist leer! "So ein Mist", flucht Daiween. Für einen Moment verliert er die Fassung. "Jetzt dreht sie durch. Wir müssen ihr nach!" "Wartet noch einen Moment." Der Magier hält ihn am Arm. "Wir sind keine Waldläufer. Sie werden uns hören. Ich habe eine Zauberstille. Bleibt dicht bei mir." Der Magier legt den Zeigefinger auf seine Lippen. "Silentium silentille", murmelt er. Fugal bewegt die Lippen, als spreche er, aber kein Laut ist zu hören. Dann grinst, er und holt - ohne Rücksicht auf Lärm - seine Armbrust aus ihrem Futteral. Er legt einen Pfeil ein und beginnt, sie zu spannen. Kein Laut ist zu hören. Dann brechen sie auf. Sie bleiben dicht bei einander, gelegentlich deutet Daiween mit seiner Hand die Richtung an. Wie Schatten verschwinden sie in der Nacht.

Die Elfin steht still auf dem Ast eines Baumes, eine schwarze Todesfee in der dunklen Baumkrone. Unter ihr liegen die Orks unruhig im Schlaf. Nur gelegentlich hört sie ein leichtes Knacken oder ein Rascheln von Gras, wenn eine der Wachen sich unruhig bewegt. Sie streicht mit den Händen über die Augen und ihre Lippen bewegen sich lautlos. Dann späht sie suchend nach unten. Den schwarzen Hornbogen hält sie in der Hand. Sorgsam und leise sucht sie aus dem Köcher zwei Pfeile: schwarze Federn an hellem Holz, für den lautlosen Schuss. Ihr Bogen surrt leise und am Schilfrand ist ein leise Rascheln zu hören, dem ein gedämpfter Aufprall folgt. Auch der zweite Pfeil findet unhörbar sein Ziel. "A'sela dhao biundawin" flüstert Mondspeer und ihre Bewegungen werden schneller und schneller. Sie streckt beide Hände in Richtung der schlafenden Gestalten aus und zwei Feuerbälle explodieren mitten unter den schlafenden Orks.

Schreiend fahren die Ochozai aus dem Schlaf und Verwirrung breitet sich aus. "Alwarania Sjalana aya Aarîan, Èo Khar Kai", ruft Mondspeer trillernd, die Hände trichterförmig an den Mund gelegt. "Burûk der Graue, hier kommt dein Tod." Mit diesen Worten springt sie aus dem Baum. Um sie herum versuchen einige Orks verzweifelt, sich die brennenden Kleider vom Leib zu reißen. Ein anderer hebt seine Axt und stürzt auf sie zu, aber der Mondspeer trifft ihn direkt in die Brust. Sie zieht den Speer aus der klaffenden Wunde und stößt sich ab. Mit einer Rolle springt sie über einen weiteren Ork. Ihre Bewegungen werden noch einmal schneller, verschwimmen fast. Die silbernen Linien in ihrem Speer erscheinen mehr und mehr als verschwommene Striche. Der Speer wirbelt und tanzt, malt verschlungene Muster, tödlich und schön. Zwei weiter Orks gehen zu Boden. Dann steht sie vor Burûk. "Du bist das also", knurrt er und lacht. "Dieses Mal kriegen wir dich! Heute entkommst du mir nicht." Sie umkreisen sich langsam. Aber schon nähern sich weitere Orks den beiden Gegnern, kurze Speere in den Händen und die Elfin steht plötzlich allein gegen fünf.

In diesem Moment tauchen vier lautlose Schatten im Lager auf. Zwei Armbrustbolzen durchschlagen den Harnisch des einen Speerkämpfers und reißen ihn von den Beinen. Dûl el Kodir lässt seinen Stab im Bogen auf einen Kopf krachen und Elgans Zwiehänder singt sein tödliches Lied. Die Ochozai drehen sich um, sehen überrascht auf die zusätzlichen Feinde. Und plötzlich erhebt sich der Schatten des Magiers, wie ein eigenständiges Wesen und beginnt zu kämpfen. Entsetzen überfällt die Orks. Sie weichen zurück. Als der erste vom Schatten zu Boden gestreckt wird, ergreifen die Anderen endgültig die Flucht.

Nur der Hauptmann flieht nicht. Mit harten Schlägen der Axt attackiert er die Elfin. Die kontert fließend, der Mondspeer wirbelt. Der Speer trifft Burûk am Kopf, sein Helm fällt zu Boden. Eine helle Narbe wird sichtbar, vom Auge bis zum Ansatz der schwarzen struppigen Haare. Dann schlägt er zurück. Unwirklich erscheinen die Bewegungen der ungleichen Kämpfer, wie ein tödlicher Tanz im flackernden Schein der erlöschenden Brände. Plötzlich stolpert die Elfin, Burûks Axt schlägt ihr den Speer aus der Hand. Triumphierend will er sich auf sie stürzen, doch sie weicht aus. Er wirbelt herum und wirft sich nach vorne, holt mit der Axt aus, zum tödlichen Schlag. Doch Mondspeer bleibt stehen und er erstarrt. Dicht stehen die beiden sich gegenüber. Die Axt entfällt seiner Hand und die letzten Flammen spiegeln sich flackernd in der dreieckigen Klinge des Wolfsmessers in seiner Brust. Auge in Auge, weiße Narbe und schwarze Striche, wie Spiegelbilder in schwarz und weiß stehen sie da. Und in den brechenden Augen des großen Orks sieht die Elfin den Spiegel ihres eigenen Hasses.

~~~

Dort starb meine Seele. Dort sah ich den Hass.
Dort erwachte der Schatten in mir.

Oh, badoc, badoc, für immer verloren.

Weint mit mir, Ihr Gefährten im Kampf!
Weint mit mir, Fremde
in meiner Nacht!


Copyright 2004, by Mondspeer.


Die Geschichte darf weiter verbreitet, ausgedruckt, verschenkt und sonst noch was werden, solange
mein Name 'mondspeer' erwähnt wird und ein Link auf meine Website 'www.innenwelten.net' enthalten ist.
Bei kommerzieller Verwendung erwarte ich eine vorherige Rücksprache.
 

2005-01-13

Ich hoffe, die Geschichte hat Euch gefallen. Mir kann sie - an manchen Stellen - immer noch Schauer über den Rücken jagen. Und das ist es, was ich an Geschichten mag. Feedback - in Ermangelung eines Kommentarsystems - gerne per Email. Eventuell werde ich die Kommentare hier veröffentlichen.
 

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